Interview L'Invitu 09-'06
L’Invitu ist eine Fangruppe, die aus Jean-Claude, Pierre, Pascale und Anne-Marie Casanova sowie Françoise Coulomb besteht. Das Gespräch findet in einer Küche statt, während Jean-Luc und Ceccè am Kochen sind.
Das gesamte Interview kann man auf Französisch auf der Website von Jean-Claude Casanova (L'Invitu) lesen. Hier finden Sie Teile aus dem Interview.
L'Invitu: Welches sind die musikalischen Wurzeln von jedem? Gibt es in euren Familien eine musikalische Tradition, eine Gesangstradition? Oder seid ihr später zum Gesang gekommen, auf der Schule oder in der Gruppe?
Jean-Claude: Das ist bei jedem Einzelnen verschieden. Jean-Luc hat einen Vater, der Schäfer im Marzulinu ist, und der sehr gut singt. Er hat eine natürliche Stimme wie sein Vater, schon als Kind hat er das mitbekommen.
Die anderen nicht. Es gibt verschiedene Einflüsse, einige haben auf der Schule begonnen zu singen, Polyphonie, andere spielten ein Instrument.
Paul hat bei uns das Singen begonnen als wir zusammen zur Schule gingen. Er sagt immer, dass er zuerst diesen Gesang überhaupt nicht mochte.
Paul: Jean-Claude hat mich gefragt, und ich habe angebissen. Ich sang noch nicht, aber ich mochte schon gerne Musik.
Jean-Claude: Wir waren zusammen auf dem Gymnasium. Es war eine Zeit, wo jeder das Singen lernte. Es gab viele, die es gelernt haben, die aber dann nicht alle Sänger geworden sind. In den Pausen haben wir gesungen, jeder versuchte das zu lernen. Paul war auch da, und ich fragte ihn: „Willst du nicht auch singen? Versuch’s!“ Damals war er begeistert von Polnareff, aber die Polyphonie war nicht sein Ding. Und dann, als er einmal begonnen hatte, hat er sich geradezu darauf gestürzt. Nach den Schulstunden kam er zu uns um üben zu können.
L'Invitu: Was ist euer musikalischer Geschmack außerhalb der Polyphonie?
Paul: Mike Brant, Johnny Hallyday. Bei der Zugabe von Medea in Paris mach ich das! (Lachen)
Jean-Claude: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt vielfältige Einflüsse. Einige lieben Vokalmusik, klassische Musik, elektronische Musik, sogenannte urbane Musik. Wir haben wahrscheinlich nicht alle dieselben CDs zu Hause.
Paul: Mir ist es passiert, dass ich Zuschauer schlecht behandelt habe, die mir sagten: Wir hören nur Polyphonie.“ Ich habe sie angesehen und gesagt: „Sie tun mir Leid!“
Jean-Claude: Das macht auch die Rencontres aus, sehr unterschiedliche Musikstile, die sich gegenseitig ansprechen. Bei der unterschiedlichen musikalischen Herkunft, den verschiedenen musikalischen Vorlieben ist es schon bemerkenswert, dass wir nach einem Konzert ohne darüber zu sprechen, dasselbe Gefühl haben, dass uns dasselbe anspricht. Wir stimmen meistens überein.
L'Invitu: Dieselbe Art Geschmack, dasselbe Empfindungsvermögen?
Jean-Claude: Genau, dasselbe Empfindungsvermögen, das ist wichtig, denn sonst funktionieren die Sachen künstlerisch nicht. In der Gruppe hat es einige andere Sänger gegeben, die aus den Gründen nicht geblieben sind. Es gab Leute, die hervorragend sangen, die aber nicht in der Gruppe bleiben konnten, die Mühe hatten, ihren Platz zu finden.
Man muss es schaffen, in Osmose mit den anderen zu arbeiten.
Wir, und das ist gleichzeitig fantastisch und schwer, haben eine Art Herdeninstinkt, es ist manchmal etwas schwierig, damit umzugehen, weil man riskiert zu ersticken, aber ich glaube, dass es das ist, was unser Fortbestehen möglich macht, und vor allem auch ein künstlerisches Projekt, das mir kohärent erscheint.
L'Invitu: Dass ihr weiter vorangeht…
Jean-Claude: Dass wir auf einem Weg weiter vorangehen…
DVD
L'Invitu: Viele Leute haben A Filetta durch die DVD von Don Kent entdeckt. Da geht es nicht nur um den Gesang, sondern um alles, was ihr dort sagt.
Jean-Claude: Bis jetzt haben wir nicht wirklich die Gelegenheit gehabt, mit jemandem so zu sprechen, wie wir es mit Don Kent konnten, als er die Aufnahme machte. Wenn wir in einer Fernsehsendung sind, können wir nur über eine Sache sprechen, und das sehr kurz. Es tut sehr gut, Interviews wie dieses zu machen, denn wir haben fast eine Stunde lang über unsere Arbeit gesprochen, und ich hatte wirklich selbst den Eindruck, etwas über uns zu entdecken. Dreiviertel der Zeit sitzen wir Menschen gegenüber, die - ohne dass sie dabei uninteressant sind - keine Zeit haben oder nicht den genügenden Abstand. Don Kent hat sich Zeit genommen, fast zwei Jahre, und etwas investiert: er hat uns sieben oder acht Mal an sehr verschiedenen Orten gefilmt, nach jedem Treffen schaute er nochmal an, was er gefilmt hatte, und er hat jeden von uns zu Wort kommen lassen, das ist auch Qualität…
L'Invitu: Man spürt viel von euren Beziehungen, das ist überwältigend in diesem Film, das was zwischen euch passiert. Wir sprachen von Stammeszusammengehörigkeit, genau das ist es, das geht weit über den Gesang hinaus. Und was ihr auf der Bühne bringt, das spürt man auch in euren Worten auf der DVD.
Das Schreiben, das Komponieren
L'Invitu: Jean-Claude, bist du der einzige in der Gruppe, der schreibt?
Jean-Claude: Schreiben und komponieren für die Gruppe, ja. Aber ich bin sicher, dass es unter ihnen welche gibt, die es können. Das hat sich so ergeben, weil ich, als ich noch ganz jung war, angefangen habe, Lieder zu schreiben, und dann habe ich damit weitergemacht. Aber ich weiß, dass José z.B. Lieder geschrieben hat, als wir das Kinderalbum gemacht haben. Er ist fähig, Lieder zu schreiben. Ich glaube, dass andere in der Gruppe es auch können. Sie machen es nicht, genauso wie sie wenig sprechen, weil ich spreche und das einfacher ist.
L'Invitu: Wie geht das mit dem Schreiben? Was ist der Ausgangspunkt?
Jean-Claude: Das ist nicht monolithisch, es gibt nicht eine einzige Art des Vorgehens.
Medea war für uns wichtig, es ist eine Art Eckpfeiler, eine Gelenkstelle.
Vor Medea war alles mündliche Komposition, mit Medea sind wir bei etwas, das vollständiger ist, das beginnt, etwas mehr ausgeschrieben zu sein, das aber gleichzeitig nicht fixiert ist: es gibt keinen bestimmten Rhythmus, es gibt keine Partitur von Medea. Dann, nach Medea, gab es andere, sehr weitgehend aufgeschriebene Dinge, aber auch Dinge, die zwischen beidem liegen, Sachen, die mündlich bleiben.
Bei Medea gab es ständige harmonische Hinzufügungen. Zunächst erschienen uns Sachen unvollständig, unvollendet, dann ist es nach und nach gereifter geworden und zweifellos komplexer.
Dann gibt es auch praktische Gesichtspunkte. Zum Beispiel ist Ceccè 2005 in die Gruppe gekommen, er sollte das Repertoire üben - bei allem, was fixiert, aufgeschrieben war, kein Problem, man gibt ihm eine Partitur, er lernt sie. Das traditionelle Repertoire, die nicht so komplizierten Kompositionen, das kann man auswendig lernen. Aber Medea, wie macht man das? Das ist kompliziert, er muss etwas auswendig lernen, was nicht aufgeschrieben ist, da fehlt ein Orientierungsrahmen für ein schnelles Lernen. Deshalb habe ich für Medea, praktisch für das gesamte Stück, eine siebte Stimme geschrieben.
L'Invitu: Wenn ihr die ersten Versuche mit etwas, das aufgeschrieben ist, macht, bringt dann jeder seine Ideen ein, wie man es machen soll?
Jean-Claude: In der Vergangenheit mag es Dinge gegeben haben, die eingebracht worden sind, die eine Bereicherung waren. Oft kamen sie von Jean Antonelli, weil er Gitarrist war und einen Zugang zur Harmonik hatte, aber ansonsten ist das schwierig für einen Sänger, der nicht - ich will nicht sagen, der nicht die Harmonielehre kennt, weil ich sie auch nicht kenne - aber der nicht einen Zugang zur Harmonik hat.
L'Invitu: Gibt es da keinen Raum für Spontaneität?
Jean-Claude: Das kann es geben, aber das kommt selten vor. Wenn eine Sache beginnt festgelegt zu sein, wird es schwierig, ihr etwas hinzuzufügen, ohne ihr eine andere Richtung zu geben.
Wir werden in der „Aghja“ eine Kreation mit Jazzmusikern machen, wir werden ihnen Sachen geben, sie werden wahrscheinlich Vorschläge machen, die die Harmonien ändern, und das kann ein schwieriges Arbeiten sein, wenn jeder sagen kann „ich schlage vor, dass wir es so und so machen“.
Wohlgemerkt, ich spreche hier über die Komposition. Wenn man an die ganzen Melismen denkt, die Jean-Luc zum Beispiel macht, die macht er selbst, das ist nicht aufgeschrieben. Natürlich bringt jeder seine Sichtweisen ein, z. B. über das Timbre der Bassstimmen, aber die Noten sind was sie sind.
L'Invitu: Stimmt es, dass ihr am Anfang eure Stimmen noch kennen lerntet, aber jetzt kennst du sie alle gut?
Jean-Claude: Absolut. Das, und die Tatsache, dass wir zu einer komplexeren, ausgefeilteren Musik übergegangen sind. Ich habe bei manchen Sachen Fortschritte gemacht, nicht jeder entwickelt sich zwangsläufig im selben Rhythmus weiter, ich meine das nicht anmaßend.
Ich bin sehr vorangekommen durch die Arbeit an den Kompositionen von Bruno (Coulais). Wahrscheinlich könnten die anderen, wenn sie diese Arbeit mit Bruno gemacht hätten, das Gleiche machen. Ich war ein bisschen die Schnittstelle. So geht mir jetzt einiges leichter von der Hand.
L'Invitu: Du sagst, du kennst die Harmonielehre nicht, aber wenn man einen Gesang wie „Rex“ hört, in dem es besonders in der zweiten Hälfte keine Melodie gibt, ist das doch einzig und allein auf die Harmonien gegründet?
Jean-Claude: Wenn ich sage, dass ich die Harmonielehre nicht kenne, meine ich die, die am Konservatorium gelehrt wird, wo es Schreibregeln gibt…
L'Invitu: Du „schreibst“ die Harmonien nicht, du fühlst sie?
Jean-Claude: Ich fühle sie, ich schreibe sie und mache dabei wahrscheinlich „Harmonierechtschreibfehler“!
L'Invitu: Aber erst fühlst du sie? Ist das nicht doch besser? Gibt das nicht mehr Freiheit?
Jean-Claude: Ich weiß es nicht. Wenn ich zu Bruno sage, dass ich mich in der Harmonielehre weiterbilden will, sagt er „Nein, auf keinen Fall, tu das nicht!“ Vielleicht hat er Recht, vielleicht mache ich Sachen, die in der klassischen Harmonielehre verboten sind, und die ich nicht mehr machen würde, wenn ich eine akademische Ausbildung hätte, das ist klar. Aber gleichzeitig ist das schrecklich frustrierend für mich, manchmal Dinge zu machen und nicht sicher zu sein, sie bewältigen zu können.
L'Invitu: Glaubst du, dass die mangelnde Kenntnis der Technik das, was du machen könntest, begrenzt?
Jean-Claude: Ich weiß nicht, ob mich das begrenzt.
L'Invitu: Ich meine „begrenzen“ im Sinne von „wagen“. Wenn man im Regelkanon schreibt, beschränkt man sich darauf, in diesem Kanon zu bleiben, und man verliert zwangsläufig die Idee, Sachen auszuprobieren. Vielleicht versuchst du auf natürliche Art Sachen auszuprobieren, die du dir verbieten würdest, wenn du die Regeln kenntest.
Jean-Claude: Vielleicht, aber es ist schwierig. Wenn wir zusammen sind, genießen wir das. Aber morgen zum Beispiel, werden wir mit Jazzmusikern zusammenarbeiten. Wir als Block haben untereinander kein „Sprachproblem“. Wir haben keine Ausbildung in Harmonik, wir sind uns über den Klang einig, darüber, wie es werden soll, wir korrigieren hier und da was, aber wir haben kein „Sprachproblem“ untereinander.
Wenn wir morgen mit einem Streichquartett arbeiten sollten, hätten wir ein Problem, weil der Typ vom Streichquartett uns sagen würde: „Halt, da verstehe ich was nicht.“ Das ist dann vielleicht nicht falsch, man kann es so machen, aber es ist nicht nach den Regeln. Dann wird das plötzlich für mich frustrierend.
L'Invitu: Du hast Angst, dass deine Professionalität nicht anerkannt wird, obwohl du alles, was du gemacht hast, belegen kannst?
Jean-Claude: Das reicht nicht!
L'Invitu: Du hast viel gelernt in der Nähe von Menschen mit Dogmen, aber sie könnten auch viel von dir lernen.
Jean-Claude: Ja, aber das geht in einer Beziehung wie mit Bruno. Ich sage nicht, dass er etwas von uns gelernt hat, aber er sagt, dass er jetzt die Dinge manchmal anders sieht, wir haben ein kleines bisschen seine Sicht auf die Musik verändert. Das geht, wenn man ein Vertrauensverhältnis zu Musikern aufgebaut hat, aber wenn ich morgen vor ein Orchester mit 50 Musikern treten sollte, würde ich den Schock nicht aushalten.
L'Invitu: Ich verstehe nicht, dass du so radikal in dieser Aussage bist, denn du kannst konkrete Dinge vorweisen…
Jean-Claude: So funktioniert das nicht! Es gibt viele Festivals, die uns programmieren könnten, und die uns nicht programmieren, weil wir nicht „klassisch“ sind, weil wir die Ausbildung nicht haben. Und dennoch bin ich überzeugt, dass es Sachen gibt, die in ein klassisches Festival passen könnten.
L'Invitu: Ihr öffnet viele Türen, viele Wege zwischen den Genres…
Jean-Claude: Das Problem ist, dass das mit einem Teil des Publikums funktioniert, nicht mit allen. Es gibt Leute, die etwas suchen, das unverändert ist, und die nicht unbedingt unser Vorgehen verstehen. Es ist uns passiert, dass ein Komponist aus Nizza zu mir gesagt hat: „Ich verstehe nicht, warum Sie für Medea fünf Stimmen geschrieben haben, mit drei Stimmen sagt man doch schon genug.“
L'Invitu: Das sind keine Musiker, da sind Ayatollahs!
Jean-Claude: In den Orchestern gibt es Ayatollahs. Aber fragt Bruno. Das ist ein ständiges Kräftemessen.
Die Arbeit am Singen
L'Invitu: Eine Frage, auf die jeder antworten kann, weil es um die persönliche Arbeit am Singen geht. Wie arbeitet ihr jeweils individuell? Wie hat sich das Einfügen euer Stimme ergeben, wie entwickelt sich das weiter innerhalb der Gruppe, die Klangfärbung…
Jean-Luc: Wenn wir mit einer Partitur arbeiten, haben wir jeder unsere Stimme, die wir zu Hause erarbeiten. Wir haben keine besondere Vorgehensweise, wir haben eine Stimme, die wir lernen müssen, und es sind die Kompositionen, die uns weiterbringen. Wenn wir etwas mit Bruno machen, lässt er jedes Mal die Bässe ein bisschen höher singen, er lässt die hohen Stimmen tiefer singen und umgekehrt, das fördert unsere Entwicklung.
Maxime: Unsere spezielle Methode ist es, mit dem Computer zu arbeiten.
Jean-Luc: Für die ausgeschriebenen Partituren (die von Bruno, Sì di Mè, nicht Medea, nicht die traditionellen Gesänge) haben wir ein Computerprogramm, das die Partitur liest, die sieben Stimmen. Wir können sechs Stimmen ins Klavier legen und die siebte, die eigene, in die Posaune, das spielen wir auf dem Computer ab, und so können wir die eigene Stimme hören. Man kann sogar die anderen Stimmen ausblenden und nur die eigene lassen, das Tempo verlangsamen, es beschleunigen, so kann man sehr präzise zu Hause an der eigenen Stimme arbeiten. So machen wir es, wenn wir an einer Filmmusik von Bruno arbeiten. Wir arbeiten drei oder vier Tage zu Hause, entziffern gut unsere Stimme, und wenn wir sie genügend kennen, treffen wir uns und wir versuchen, die Stimmen, die wir individuell gelernt haben, nun alle zusammenzufügen. So geht das mit den Partituren.
L'Invitu: Und wenn nichts aufgeschrieben ist?
Jean-Luc: Wir tasten uns vor. Wir arbeiten zusammen daran.
L'Invitu: Nehmt ihr eure Proben auf?
Jean-Luc: Nicht genug.
L'Invitu: Also jedes Mal fangt ihr ein bisschen bei Null wieder an?
Jean-Luc: Da ist das Gedächtnis.
L'Invitu: Mit den ganzen Gesängen, die ihr gelernt habt, gibt das keine Kollisionen?
Jean-Luc: Im Gegenteil, das schult sogar das Gedächtnis. Je mehr man lernt, desto mehr kann man lernen.
Jean-Claude: Achtung, selbst das, was wir auf dem Computer haben, lernen wir auswendig. Als wir Marco Polo mit Bruno machten, war das für uns verpflichtend. Das ist nicht unbedingt so bei anderen Musikern, die mit Bruno arbeiten. Sie haben ihre Partitur, und es ist schrecklich zu merken, dass sie dann nichts mehr im Kopf behalten. Sie spielen, aber sie tappen im Dunkeln. Es kann sein, dass sie einen Fehler machen, aber sie machen unbeirrt weiter. Wir, im Notfall, mit unserer Art zu arbeiten versuchen wir, wieder zusammenzukommen, sie aber nicht.
L'Invitu: Das heißt, sie hören nicht auf das, was sie spielen?
Jean-Claude: Genau, das soll heißen, dass man sie so ausbildet.
L'Invitu: Das ist ja Mechanik!
Jean-Claude: Man bringt ihnen bei, am Platz zu sein und zu spielen. Sehr oft resultieren die Probleme daraus, dass es keinen Dirigenten gibt, der ihnen einen Einsatz gibt. Also wissen sie es nicht, sie zählen nicht. Wir, als wir Himalaya gemacht haben, haben wir 27 Takte gezählt bevor wir mit „Le Lac“ wieder einsetzten. Wenn man das einem Musiker sagt, lacht er! 27 Takte, das ist doch verrückt. Er sagt: wart‘ ab, man gibt dir einen Einsatz! Der Musiker sitzt da, er wartet, zack, und er spielt seine Stimme.
L'Invitu: Aber sie hören nicht zu?
Jean-Claude: So ist es. Vorsicht, das Problem ist nicht, dass sie keine guten Musiker wären, es kommt daher, weil man ihnen beibringt so zu spielen. Man erwartet von ihnen eine Partitur zu spielen, man erwartet nicht, dass sie auf den Musiker neben sich hören. Bei uns ist es genau andersherum. Deshalb gibt es auch viele Musiker, die nicht ihren Platz in einem Orchester finden. Es gibt viele Leute, die in einem Orchester unglücklich sind.
L'Invitu: Das ist ziemlich militärisch.
Jean-Claude: Ja, klar.
Die Emotion
L'Invitu: Das führt uns zur folgenden Frage: es gibt etwas, das immer wieder in den Kommentaren der Zuhörer wiederkehrt, aber auch in den Interviews: das ist die Emotion, die man beim Hören eurer Gesänge empfindet. Spürt ihr das? Wie erklärt ihr euch das?
Jean-Claude: Oft sind Leute nach einem Konzert zu uns gekommen, die so bewegt waren, dass sie nicht einmal sprechen konnten. Wir haben keine Erklärung dafür, aber ich habe eine Idee, was auch immer sie wert sein mag: ich glaube, dass sie nicht von der Ästhetik gerührt sind, von den Harmonien oder von der Klangstruktur. Ich glaube, was auf sie einwirkt ist, dass wir ein Körper sind, der aus unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammengesetzt ist, die es aber schaffen, einen Körper zu formen. Es ist wohl so: unsere modernen Gesellschaften haben im Bereich der Produktion, der Organisation, alles pyramidenförmig und individuell strukturiert und dabei die Verantwortlichkeiten eingeschränkt. Überall, und das sieht man, wenn eine Katastrophe eintritt, sucht man sofort die Verantwortlichen, weil das so organisiert ist. Man sagt: „Der und der macht das, und nur das, er hat das gut gemacht, was er machen sollte.“
Wir als Gruppe, wir können so nicht funktionieren. Wir sind ein Körper, der nur funktioniert, wenn jeder dazu beiträgt und sich dabei für das Ganze verantwortlich fühlt. Es ist ein echtes Kollektiv, eine Art Kokon, und ich glaube, dass wir dieses Bild den Menschen vermitteln, die ein natürliches Bedürfnis danach haben. Ich will nicht philosophisch werden, aber ich glaube, der Mensch im Naturzustand braucht das, er will wissen, dass er Teil eines Ganzen ist. Dieses System funktioniert nur soweit, wie man sich dem Kollektiv hingibt, ohne seine Persönlichkeit zu verlieren. Das Kollektiv wird durch die Hingabe jedes Einzelnen bereichert, aber es auferlegt keinem, seine Persönlichkeit aufzugeben.
Und ich glaube, das ist es, was die Menschen berührt: wenn sie z.B. die Chöre von Medea hören, sagen sie sich: „Aber wie können sie zusammen so etwas singen, was keinen Takt hat, keine Bezugspunkte, wer macht da was? Wer bestimmt was?“, und darauf gibt es keine Antwort.
Jedes Mal, wenn ein Fernsehteam herkommt oder Journalisten, fragen sie, wer der Verantwortliche ist. Das ist das Problem. Unsere Musik ist dem diametral entgegengesetzt. Das ist eine Art Naturzustand, weil wir das brauchen. Ich glaube nicht, dass wir erschaffen sind, um nur unsere Rolle zu spielen und die anderen nicht wahrzunehmen, oder zu sagen „Ich mache, was ich mache, und die anderen sollen das auch tun“. Wir können so nicht funktionieren.
L'Invitu: Du hast Recht, das hervorzuheben, denn das ist ein großer Teil der Emotion. Der Eindruck der Verbundenheit, den ihr macht, ist umwerfend. Aber das genügt nicht, um die Emotion zu erklären. Man ist bewegt, weil das, was ihr macht, schön ist. Das kann man nicht trennen.
Jean-Claude: Ich glaube, es ist schön, weil es diese Verbundenheit hat. Es ist nicht einfach von innen heraus schön. Wir haben nämlich auch Sachen gemacht, die nicht schön sind.
L'Invitu: Vorhin sprachen wir über Harmonik. Es ist wahr, dass es in eurer Musik Momente gibt, die so komponiert sind, dass es schön ist, dass es einen berührt. Und dann gibt es diesen Aspekt der Verbundenheit, der bewirkt, dass es einen Körper gibt, eine Interpretation, weil ihr zusammen seid und enorm viel gebt.
Jean-Claude: Weißt du, man müsste einen Test machen. Man müsste einen klassischen Chor nehmen und ihn einen unserer Gesänge singen lassen. Es wäre interessant zu sehen, wie die Leute darauf reagieren würden.
L'Invitu: Was den Unterschied macht ist die Emotion, die taktile Seite. Ihr berührt euch, man spürt die Freundschaft zwischen euch.
Jean-Claude: Absolut. Deshalb glaube ich auch, dass es daher kommt, und dass es nicht das ist, was wir singen.
L'Invitu: Das ist der Ausgangspunkt. Aber was ihr singt ist wichtig!
Jean-Claude: Ich sage nicht, dass es unwichtig ist, hinterher mag man es, oder man mag es nicht, man wird ein Anhänger davon oder nicht. Wenn ich klassische Musik höre, ziehe ich die Sinfonien von Mahler denen von Beethoven vor.
L'Invitu: Es gibt eine Art Alchimie…Wenn man in den Konzerten Leute neben sich sieht, die man nicht kennt, und die zu Tränen gerührt sind, es ist unglaublich…die Wirkung, die ihr habt, das ist wie…Schokolade!
Jean-Claude: Ich habe das gleiche Gefühl gehabt, als ich die Georgier zum ersten Mal singen gehört habe. Wir ähneln uns, nicht nur auf der Ebene der Polyphonie, der Harmonik, sondern auch in Bezug auf unsere Beziehungen innerhalb der Gruppe und unsere Beziehung zum Publikum.
L'Invitu: Und darum lieben wir es so euch zu sehen, diesen direkten Kontakt. Das dringt durch die Poren.
Jean-Claude: Noch einmal: neben dem, was wir ästhetisch ausdrücken, ist es eine Tatsache, dass wir wie ein Körper sind, mit aller Zerbrechlichkeit, Unausgeglichenheit, Lebendigkeit, Spannung, während man dieses Gefühl nicht hat, wenn man einen klassischen Chor sieht.
L'Invitu: Und ihr macht kein Spektakel.
Jean-Claude: Man kann Menschen durch schöne Harmonien anrühren, durch Engelsstimmen, aber jedes Mal, wenn ich klassische Chöre singen gesehen habe, gab es etwas, das nicht passiert ist. Das heißt nicht, dass sie nicht Sachen machen können, um die wir sie oft beneiden…
Die instrumentale Begleitung
L'Invitu: Eine kleine Frage zu den Instrumenten: ist es definitiv, dass ihr sie aufgegeben habt?
Jean-Claude: Mein Gefühl ist, dass Korsika, jedenfalls die korsische Kulturbewegung seit Beginn der 70er Jahre, ein Problem mit Instrumenten hat. In dem Maße wie wir eine sehr starke mündliche Tradition haben, Stimmen, die Kenntnis der Stimmen, der vokalen Praxis, in dem Maße sehe ich, rückblickend betrachtet, auf der Ebene der Instrumente keine Gruppe, die seit Beginn der 70er Jahre instrumental Erfolg gehabt hätte.
L'Invitu: Wir haben das Gefühl, dass die Instrumente, vor allem die Gitarre, ständig in dieselben Schemata zurückfallen…
Jean-Claude: Genau. Zum einen, weil das Zusammenspielen mit polyphonen Stimmen vielleicht nicht so einfach ist, und zum anderen, weil man mit den Instrumenten das Gleiche wie mit den Stimmen machte und nicht beachtet hat, dass es eine Tradition für die Stimmen gab, aber nicht für die Instrumente. Und man hat keine Instrumentalisten. Die wenigen Instrumentalisten, die man hat, sind Leute, die zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen haben Gitarre zu spielen, man begleitet sich, aber das ist in meinen Augen unzureichend.
L'Invitu: Una tarra ci hè ist ein wunderbares Album mit Gitarrenbegleitung!
Jean-Claude: Zweifellos, aber wenn ich mir die instrumentalen Partien wieder anhöre, sage ich mir, dass es nicht gut ist. OK, die vokalen Partien auch nicht. (Lachen) Mit Abstand betrachtet, sind wir nicht zufrieden mit dem, was wir da gemacht haben.
L'Invitu: Es ist Teil eines Entwicklungsprozesses.
Jean-Claude: Absolut. Wir werden zweifellos auch noch Sachen mit Instrumentation machen, aber mit Musikern. Mit „Bordmitteln“, ich als Gitarrist, auch wenn ich ein bisschen klassische Gitarre gelernt habe, das ist unzureichend, ich bin kein Instrumentalist. Und außerdem ginge dann ein Teil der Energie nicht mehr in den Gesang, weil wir uns nicht wohl fühlen.
L'Invitu: Zum Schluss, A Filetta besteht seit fast 30 Jahren, wird da etwas passieren?
Jean-Claude: Im Augenblick nicht. Wir haben an die Möglichkeit gedacht, in einem großen Saal in Paris aufzutreten, weil wir das noch nie gemacht haben, aber im Augenblick haben wir noch nichts fest, und wir wissen nicht so sehr, auf welche Art wir es machen wollen: wir werden nicht Sì di mè machen, wir werden kein Requiem machen, man kann nicht ein bisschen von allem machen, es ist schwierig.
